Hauptstadtblog

In Berlin wird auf Sand gebaut

Das wird häufig behauptet, immer auch ein wenig zur Abschreckung von übereifrigen Investoren. Der Berliner Bauboden hat einen schlechten Ruf, eiszeitliche Kollateralschäden geben ihm den Rest.  Eine Probebohrung auf dem Campus der TU aber klärt auf: der Berliner Untergrund ist definitiv sandig. Auf den ersten 120m fast nur quartäre und tertiäre Sande. Wer hier blockweise Hochhäuser plant, wie z.B. zwischen Bahnhof Zoo und TU-Gebäuden, muss also ein bißchen mehr rechnen. Und vor allem mit Mehrausgaben rechnen.

Das Bohrloch des Helmholtz Zentrums Potsdam befindet sich in der Fasanenstraße, kurz vor der Müller-Breslau-Straße, ist 560 Meter tief und wurde laut Projektflyer hauptsächlich zur Untersuchung von Energie- und Wärmespeicherung eingerichtet. Sinnvolles Wissen, bevor man mit den Anthropozän-Aktivitäten beginnt.

am 19. März 2017 - 14:00 von Linda Link

Fahrradstadt Berlin?

Darüber kann man streiten. Was die steigende Zahl der im Alltag und Verkehr genutzten Räder angeht: ganz sicher. Was die bestehende verkehrstechnische Struktur betrifft: sicherlich nicht. Aber darum soll es aktuell nicht gehen.

Getern nachmittag hat in der Station Berlin (Luckenwalder Straße) die Berliner Fahrradschau geöffnet. Noch bis Sonntag gibt es in den großzügigen Hallen diverse Aussteller, von den großen Herstellern bis zu kleinen Handwerkskollektiven, alles mögliche rund um die Bike-Kultur zu sehen, zu erleben und natürlich auch zu erwerben. Das umfangreiche Programm bietet wirklich für jeden etwas, für Kinder und Hobbyradler ebenso, wie für Spitzensportler und Design-Freaks. Was Design angeht haben insbesondere dieses E-Bikes, die ziemlich im Kommen sind und daher beinah überproportional vertreten sind, noch einiges aufzuholen, denke ich. Die sind ein bisschen hässlich, alle.

Making of my new Gürtel

Ich als vorwiegende Alltagsradlerin, die keine große Ahnung hat, habe ich die Fahrradschau bei einem ersten Rundgang gestern Abend als angenehmes Gewusel, äußerst vielfältig und meistens nett erlebt. Außerdem bescherte dieser erste Besuch mir einen schicken Gürtel aus recycelten Fahrradmänteln, die von zwei sehr zuvorkommenden italienischen Hipsterbrüdern angefertigt werden.

Ich komme morgen bestimmt nochmal wieder, denn ich mag Handwerk und Design und habe diesbezüglich sicher noch nicht alles gesehen. Die Holzräder zum Beispiel, nur von weitem. Aber die gibt es da wirklich: Fahrräder (fast) ganz aus Holz.

Die HSB-Kollegin von Regines Radsalon ist übrigens heute schon unterwegs, um weit kompetenter als ich übers Radfahren zu reden. Von ihr wird es wohl in den kommenden Tagen einiges zu hören geben.

am 04. März 2017 - 12:09 von Susanne Englmayer

Musike

Die Frau sitzt in der U-Bahn eine ganze Weile neben mir und wischt auf ihrem Smartphone herum. So wie fast alle das tun. Entweder das, oder man starrt auf den Monitor, der sich zu diesem Zweck gleich mehrfach in jedem U-Bahnwagen befindet. Einige lesen auch von Papier oder unterhalten sich, aber das ist selten. Die meisten haben die Ohren verstopft, vermutlich hören sie Musik. Die Frau neben mir nicht. Ich schon, und ich lese in einem Buch.

Als ein Mann mit einer Gitarre einsteigt und kurz darauf sein Lied zu singen beginnt, öffnet die Frau, die neben mir sitzt, schleunigst das Frontfach ihrer Handtasche. Sie holt ein kleines Döschen heraus, auf dem Ohropax steht. Und es ist Ohropax darin, das schiebt sie sich zügig in die Ohren. Ich weiß ja nicht. Auch ich bin nicht immer begeistert von den musikalischen Beiträgen, zu denen man insbesondere auf längeren U-Bahnfahren nahezu zwangsläufig verdonnert wird. Auch mir ist es mitunter unangenehm, der Situation nicht entkommen zu können. Selbst wenn ich wollte.

Das mit dem Ohropax fand ich dennoch absurd. Und es war kein Zufall. Als der Mann mit der Gitarre wen Wagen wieder verließ, kam auch das schmierigklebrige Wachszeug gleich wieder zurück in seine Transportbox. Menschen gibt es, echt komisch.

am 27. Februar 2017 - 00:08 von Susanne Englmayer

Amerikanische Ablagerungen

In Berlin bemerkt man selbstverständlich die geänderten weltpolitischen Stimmungen. Könnte sein, dass „die Amerikaner“ sich mit ihrem neuen Präsidenten noch weiter aus der Stadt zurückziehen werden als bisher. Grund genug, sich noch einmal die kulturellen Reste der amerikanischen Zeit anzuschauen.

Der berühmte Rosinenbomber

 

Irgendwo im tiefsten Zehlendorf, dort wo früher militärische Truppen stationiert waren, existiert heute ein Alliertenmuseum. Das auffälligste Ausstellungsstück ist natürlich der Rosinenbomber. Mit diesen Fluggeräten sind die Westberliner mit Lebensmitteln versorgt worden, als „die Russen“ einmal die Zufahrtswege zu diesem militärisch abenteuerlichen Konstrukt blockierten. Passend zum Thema ist zur Zeit eine Sonderausstellung „100 Objekte“ aus dem Kalten Krieg zu besichtigen. Neben dem Flugzeug ist die Checkpoint-Charlie-Kontrollbude zu sehen, im Originalzustand.

 

Eingang Alliiertenmuseum
Amerika Haus mit C|O Berlin

 

 

 

 

 

Mitten in Charlottenburg ist ein weiterer Erinnerungsort zu besichtigen: das Amerika Haus – jetzt mit der internationalen Fotogalerie C|O Berlin.

Die Fassade enthält Gebrauchsspuren aus der Zeit der Studentenproteste 1968. Die Studentenbewegten von damals erleben nun einen späten Triumph: nach fast 50 Jahren wird „Ami go home“ Wirklichkeit. Naja, bis auf ein paar Touristen. Und Trump-Flüchtlinge. Und Softwarefirmen. Und die American Academy.
Und ich renne schon wieder der Zeit hinterher.

am 26. Februar 2017 - 13:04 von Linda Link

Das Besondere an Museumsfotos

Bisher war es so üblich, dass Abbildungen aus Museen eher von Interesse für Fachleute waren. Oder es konnten sich noch Touristen dafür als Orientierungshilfe erwärmen. Nun muss ich zugeben, dass ein Foto von Kanzlerin Merkel im neueröffneten Potsdamer Barberini-Palast meine Aufmerksamkeit erlangt hat. Die Potsdamer Neuen Nachrichten veröffentlichten in ihrem Newsblog ein Foto der Kanzlerin, wie sie andächtig eines der ausgestellten Monet-Bilder studiert. Dem Betrachter des Fotos den Rücken zugekehrt. Ein eindeutigeres Statement zur Frage „Was macht sie an dem Tag der Trump-Inauguration?“ kann ich mir von ihr nicht vorstellen.

Ausflug ins Potsdamer Barberini-Museum | Foto: linda link

Grund genug für mich, einen Testbesuch vor Ort einzuplanen. Auch wenn das Palais wieder nur eine Kopie und ein moderner Nachbau eines zerstörten alten Gebäudes ist. Eintritt war heute frei, daher eine Geduldsprobe. Die Warteschlange reichte noch bis um das Parlamentsgebäude herum – also ungefähr einen Kilometer lang.

(Und falls das Bild aus dem Newsblog allmählich verschwindet, ist es noch in der Google-Bildersuche „merkel im barberini“ zu finden)

am 21. Januar 2017 - 17:28 von Linda Link

Winter ist …

wenn du mindestens ein digitales Beweisfoto vom Schnee gemacht hast, auch wenn nur wenige Millimeter liegen.

Schnee auf dem Dach

Die weißen Tupfer auf dem Bikinihaus-Dachgras sehen noch nicht ganz so zertrampelt aus wie die Schneeschicht auf den Hauptstadtstraßen

am 08. Januar 2017 - 19:36 von Linda Link

2017

Macht’s gut, kommt sicher rüber. Lasst es krachen, wenn’s unbedingt sein muss. Ich bleibe zu Hause, außer Gefahr. Ich kann dieses Gelärme nicht leiden, und den Pulverdampf auch. Den vor allem nicht.

Aber es ist wohl gut und richtig, dieses 2016  abzuschließen. Vielleicht sogar abzuschießen. Ja!

am 31. Dezember 2016 - 18:23 von Susanne Englmayer

Berlin bleibt

Wie kann man HSB sein und nichts sagen, nicht schreiben? Jetzt?! Wo alle Welt über Berlin redet und meint und sogar betet, wie mir Twitter erzählt. Was aber sagen, was überhaupt denken? Und wie?

Notiz von Sigrid Grajek, am 20. Dezember 2016 Brandenburger Tor hinterlassen
Notiz von Sigrid Grajek, am 20. Dezember 2016 am Brandenburger Tor hinterlassen

Zunächst einmal bin ich nur ich, ich bin nicht Berlin. Ich bin in Berlin.

Und dich bin sehr ruhig und friedlich dieser Tage. Ich war in der Nähe am Montag, auch weil ich jetzt in Charlottenburg arbeite. Dann war ich noch die neue Brille abholen, in Wilmersdorf, und morgen muss ich wieder hin, um eben diese Brille zu reklamieren. Der Breitscheidplatz ist dennoch weit weg. Alle meine FreundInnen und KollegInnen, alle bekannten und unbekannten Namen und Gesichter in meiner Umgebung waren kaum näher dran als ich. Das macht es leicht, ich weiß.

Aber es ist kein Krieg, nichts Neues in Berlin oder in der Welt seit Montag. Alles ist wie immer, wie seit langem schon. Also doch Krieg. Ich schaue zurück auf das vergangene Jahr, das eine deutliche Sprache spricht. Und das jetzt noch einmal das Letzte, wirklich Allerletzte zu geben scheint. Was immer es sein mag, das am Montag in Berlin eingekehrt ist, Krieg, Terror oder Verbrechen: Es fordert weltweit Opfer. Viele Opfer und viel Leben, auch da, wo es nicht direkt tötet. Was also sagen, was denken?

Ich weiß es nicht. Aber ich muss auch nicht, denn Sigrid Grajek hat gestern bereits Worte gefunden und umgesetzt, denen ich mich nahtlos anschließe: Kein Hass, voller Liebe und Vielfalt in Freiheit. Das ist Berlin!

Fußnote: Bleibt noch der Ekel vor Meinungsmache und Rechthaberei, die schneller als alles andere längst wieder um sich greifen Und vor all dem politischen Dreck, auch wenn das letztendlich gänzlich wertlos ist.

am 21. Dezember 2016 - 15:20 von Susanne Englmayer

Westberliner Wörter

Dückers Lesung
Tanja Dückers liest in der Villa Oppenheim

Wenn man nicht aufpasst, wird die eigene Geschichte einfach weggeblasen, Walter Benjamin wusste das. Daran musste ich denken, als ich gestern Abend nach Hause ging. Von einer Lesung mit Tanja Dückers in der Villa Oppenheim. Übrigens an einem trockengelegten Charlottenburger See gelegen.
Also muss man Begriffe aus der Kinderzeit retten, bevor sie hinter der gegenwärtigen Deutungshoheit verschwinden. Bestimmte Westberliner Eigenarten sind den neu Hinzugezogenen sonst kaum noch zu vermitteln. Dückers neuestes Buch „Mein altes West-Berlin: Berliner Orte“, mit Kindheitsgeschichten – aus den Jahren 1970-1980, leistet dafür dringend nötige Aufklärung.

Das Leben hier passierte in dieser Zeit in Abgrenzung nicht nur zur DDR und „den Russen“. Man musste sich auch noch ständig gegen westdeutsche Zumutungen zur Wehr setzen. Wenn Besucher aus dem Ruhrgebiet die Halbstadt erreichten, hatten sie schon „Helmstedt und Dreilinden“ und eine langweilige Transitstrecke überwunden.  Sie sprachen dann gern von der „sterbenden Stadt“, die keine Zukunft hat. Ein Missverständnis. Bewohner der „besonderen politischen Einheit West-Berlin“ konnten dem nur mit fundamentalen geostrategischen Überlegungen begegnen, z.B. mit dem Ausdruck „Restdeutschland“. Mit Großstadtchauvinismus hatte das natürlich nicht das geringste zu tun. Eher schon mit einer gewissen heldenhaften Grundtrotzigkeit, David Bowie hat das verstanden.

Schon als Kinder mussten sich Westberliner mit solchen Wahrnehmungsdifferenzen herumplagen, egal ob es sich um Einschusslöcher oder die Gefährlichkeit des Bahnhofs Zoo handelte.  Wen wundert es da, wenn die Nilpferde des Zoologischen Gartens die Lieblingstiere waren.

Achso. „Westberlin“ haben die „Ossis“ geschrieben. Korrekt müsste es „West-Berlin“ heißen. Ganz wichtig.

Tanja Dückers: „Mein altes West-Berlin: Berliner Orte“, erschienen im be.bra Verlag

am 02. Dezember 2016 - 18:38 von Linda Link

Open Mike 2016

Letztes Wochenende war es wieder soweit, zum 24. Open-Mike-Wettbewerb sammelten sich junge Dichterinnen und Dichter im heimatlichen Neukölln. Das Wettlesen hat Tradition, immer nur 15 Minuten Vorlesen sind erlaubt, darüber wacht ein Wecker. Schlag auf Schlag geht es also, bis die Texte der 22 TeilnehmerInnen durch sind.

Die Einsamkeit der Jury
Die Einsamkeit der Jury

Seit die Veranstaltung bei mir um die Ecke stattfindet, war ich eigentlich immer dabei. Vielleicht nicht für sämtliche Lesungen, aber doch ausgiebig. Voll war es früher, daran erinnere ich mich gut. An den Türen stand Personal, das immer nur so viele Leute in den Saal ließ, wie ihn zuvor welche verlassen hatten. Sitzplätze waren Mangelware und begehrt. Inzwischen ist das anders, schon im letzten Jahr war die Lage entspannt. In diesem fand ich es fast traurig, wie wenig Menschen den Weg zum Open Mike gefunden hatten.

Dabei war das vorgetragene Material gegenüber den letzten Jahren bemerkenswert. Deutlich mehr Erzähltes, selbst in der Lyrik. Geschichten, die über das eigene hinausgehen, kaum Schreiben über das Schreiben. Spannend. Dabei auf der Höhe der Zeit, modern könnte man sagen. Obwohl das nicht wirklich eine literarische Qualität ist, aber erfrischend eben.

Mehr kann auf dem Blog des Open Mike nachgelesen werden, der (sic!) aber nicht so richtig ein Blog ist. (Schon allein wegen des Artikels.) Das wage ich als bloggendes Urgestein hier einfach mal zu behaupten. Eine schlüssige Zusammenfassung mit den Gewinnern und der Gewinnerin gab es auch im Deutschladradio Kultur.

Ebendort soll es auch am 20. November um 1.05 Uhr ein Feature von Irene Binal geben. Untertitel: Der Open Mike ist das Sprungbrett in den Literaturbetrieb für diejenigen, die schreiben, aber noch kein Buch veröffentlicht haben.

Rumspringen mitten in der Nacht. Naja, muss wohl Literatur sein.

am 18. November 2016 - 17:10 von Susanne Englmayer