Hauptstadtblog

Anthropozän-Fotos im Tieranatomischen Theater

humboldt-campus1  tieranatomie

Die erste Frage war für mich, wie ich zum Tieranatomischen Theater hinkomme. Navieinstellungen haben nichts genützt, zeitweises Umherirren auf dem Humboldt-Gelände war wohl nicht zu vermeiden.  Zwischen vielen verstreuten Gründerzeit-Anlagen taucht plötzlich dieses schicke frisch renovierte Ausstellungsgebäude auf. Die Vorstellung, dass hier früher Tiere seziert wurden, schwingt bei jeder Veranstaltung mit.

fotoausstellung anthropozaen tieranatomisches-theater

Dass es ein wissenschaftlich begründetes  Anthropozän gibt, ist noch neu. Von Menschen gemachte Spuren sollen in der Erdkruste nachweisbar sein.  Aber kann das fotografisch dokumentiert werden? In Berlin ist EMOP (European Month of Photography) und eine Ausstellung im Tieranatomischen Theater zeigt Landschaften, die “unberührt” sein sollten. Und es nicht sind.

Von Constanze Flamme werden Aufnahmen gezeigt, die sie nach der Katastrophe von Deepwater Horizon gemacht hat, John Volynchook fotografierte Landschaften in England, die von Fracking bedroht sind. Hans-Christian Schink zeigt, wie Verkehrsprojekte nach der deutschen Einheit unberührte Landschaften zerschnitten haben,  Lois Hechenblaikner wie Skilifte die Alpenlandschaften durchpflügen. Weitere zu entdeckende Arbeiten von Fotografen in dem sehenswerten Gebäude:

Longing for Landscape – Landschaftsfotografie im Anthropozän im Tieranatomischen Theater, noch bis zum 1.12.16, 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei

am 10. November 2016 - 21:42 von Linda Link

Stasizentrale Normannenstraße – Instawalk

Im seit 1990 verlassenen Nordflügel von Haus 7 der Stasizentrale kommt Lost Place Feeling auf
Im seit 1990 verlassenen Nordflügel von Haus 7 der Stasizentrale kommt Lost Place Feeling auf

“Was, in der Normannenstraße? Da war ich zuletzt 89 bei Mauerfall und hab da randaliert.” sagt mein Hausmitbewohner als ich ihm erzähle, daß das Stasimuseum Berlin in der Zentrale des MfS zu einem Instawalk einlud. Auf dem Programm stand das Haus 1 mit der Minister-Etage, der Nordflügel von Haus 7, eine Tour durch das Archivgebäude und die Kunstinstallation “Am Telefon sagt man nix”.

Die Minister-Etage

Von der Minister-Etage bin ich nach wie vor fasziniert, dieser sachliche, eigentlich völlig minimalistische Style, der trotzdem was hergeben soll, Richtung Bauhaus. Der Geruch!

Arbeitszimmer in der Minister-Etage im Haus 1
Arbeitszimmer in der Minister-Etage im Haus 1
Mielkes Zimmer zum Ausruhen
Mielkes Zimmer zum Ausruhen

Die rote Marmorfluchttreppe für Mielke, an deren Ende im Notfall sein Chauffeur mit laufendem Motor wartete. Sagt man.

Ministeriale Fluchten in rotem Marmor
Ministeriale Fluchten in rotem Marmor

Am meisten fängt mich jedoch immer wieder das hier:

Ministeriales Frühstück, loriotreif
Ministeriales Frühstück, loriotreif

Ich grüble immer noch, woher die Notwendigkeit dafür kam. Ob es eine Sicherheit war, falls die persönliche Sekretärin mal ausfiele? Ob die sicher ebenfalls langjährige Sekretärin an seiner Seite die Skizze brauchte, um es auch wirklich immer ganz genau richtig zu machen? Noch interessanter finde ich die Zeichnungen und Beschriftungen selbst: Die Überschrift “Frühstück” noch linientreu. Die willkürlichen Leerzeichen – Eins zu viel nach der 2, dann zwei zu viel vor dem Komma, eins zu viel vor “vorher” und dann noch eines mitten im Wort “anpicke n”. Der Tisch akkurat im Viereck mit dem Lineal gezogen, das rechteckige Kaffeetablett dagegen frei Hand gezeichnet. Die Beschriftungen hineingekritzelt, das wäre doch auch mit der Schreibmaschine gegangen.

Und natürlich das 4 1/2 Minuten-Ei, ich höre den Dialog: “Mein Ei ist zu hart.” “Ich habe es so gemacht, wie ich es immer mache.” “Wie machst Du es denn immer?” “Nach Gefühl.” “Aber woher weißt Du denn, wann 4 1/2 Minuten rum sind?” “Na, wenn das Ei genau richtig ist.” Und so weiter und so fort.

Eingangsbereich und Treppenhaus

Halbtransparenter Eingang
Halbtransparenter Eingang
In Stein gemeißeltes Gesicht einer Ideologie
In Stein gemeißeltes Gesicht einer Ideologie
Parteiische Speerspitzen
Parteiische Speerspitzen
Gefangenentransporter, äusserlich unverdächtig
Gefangenentransporter, äußerlich unverdächtig
Transparente Aufstiegschancen
Transparente Aufstiegschancen

Verlassener Nordflügel und Archiv

Instawalker im Nordflügel von Haus 7
Instawalker im Nordflügel von Haus 7
Zurückgeblieben
Zurückgeblieben
Eigenartig
Eigenartig
Unendliche Papierstapel, unglaublich, wieviele Menschen mit der Erstellung, Verwaltung und Durchsuchung beschäftigt gewesen sein müssen
Unendliche Papierstapel, unglaublich, wieviele Menschen mit der Erstellung, Verwaltung und Durchsuchung beschäftigt gewesen sein müssen
Seit 2008 wurden 70% des vorhandenen Stasi Audiomaterials digitalisiert. Bis jetzt sind das 1,8 Jahre ununterbrochene Abspielzeit
Seit 2008 wurden 70% des vorhandenen Stasi Audiomaterials digitalisiert. Bis jetzt sind das 1,8 Jahre ununterbrochene Abspielzeit
Vielfalt analoger Formate
Vielfalt analoger Formate

Der Vortrag des Ton-Arbeiters war packend. Das analoge Material kann nur 1:1 digitalisiert werden. Die Tonbänder zum Beispiel werden durch die Zeit entweder zu trocken und drohen, zu zerbröseln. Oder sie werden zu feucht (sticky tape syndrom), dann werden sie vor der digitalen Aufnahme mit einer Art Heizlüfter getrocknet. Während der Digitalisierung werden die Aufnahmen angehört. Ich mag mir mitunter gar nicht vorstellen, was der Ton-Mann alles anhören muss. Das Meiste ist wohl wenig spektakulär, bei den üblichen Überwachungen ist mitunter nichts zu hören oder es läuft eine Fernsehsendung oder es wird gekocht. Aber es sind auch Aufnahmen aus Vernehmungen, die sogenannte Klärung eines Sachverhalts, dabei. Oder von Gerichtsprozessen.

Da ich in letzter Zeit öfter zu hören bekam, die DDR sei keine Diktatur gewesen, fragte ich in der anschließenden Diskussion den Ton-Mann, der in der DDR gelebt hat. Er zog die Augenbrauen hoch und meinte (sinngemäß), wenn man sich allein das ganze Tonmaterial der allgegenwärtigen Überwachung und das Zusammenspiel mit der Justiz mal vor Augen führte bzw zu Ohren kommen ließe, dann bestünde keinerlei Zweifel, daß es sich hier um eine Diktatur herrsche.

Auch sehr spannend war der unweigerliche Vergleich zwischen Überwachung in der DDR (totalitär, allgegenwärtig, gebündelt in einem Ministerium) und digitaler Datensammelwut (mehrere Akteure, unterschiedlichste Datenherkunft, globale Begehrlichkeiten).

Für mich war es der zweite Besuch in der Stasizentrale, jedes Mal ergaben sich Begegnungen und Diskussionen unterschiedlichster Art und Tiefe. Ich werde wohl noch öfter hingehen, insbesondere lohnt es sich zur langen Nacht der Museen. Oder eben zu einem Instawalk, den es noch öfter geben soll.

am 02. November 2016 - 00:07 von Regine