Hauptstadtblog

Westberliner Wörter

Dückers Lesung
Tanja Dückers liest in der Villa Oppenheim

Wenn man nicht aufpasst, wird die eigene Geschichte einfach weggeblasen, Walter Benjamin wusste das. Daran musste ich denken, als ich gestern Abend nach Hause ging. Von einer Lesung mit Tanja Dückers in der Villa Oppenheim. Übrigens an einem trockengelegten Charlottenburger See gelegen.
Also muss man Begriffe aus der Kinderzeit retten, bevor sie hinter der gegenwärtigen Deutungshoheit verschwinden. Bestimmte Westberliner Eigenarten sind den neu Hinzugezogenen sonst kaum noch zu vermitteln. Dückers neuestes Buch „Mein altes West-Berlin: Berliner Orte“, mit Kindheitsgeschichten – aus den Jahren 1970-1980, leistet dafür dringend nötige Aufklärung.

Das Leben hier passierte in dieser Zeit in Abgrenzung nicht nur zur DDR und „den Russen“. Man musste sich auch noch ständig gegen westdeutsche Zumutungen zur Wehr setzen. Wenn Besucher aus dem Ruhrgebiet die Halbstadt erreichten, hatten sie schon „Helmstedt und Dreilinden“ und eine langweilige Transitstrecke überwunden.  Sie sprachen dann gern von der „sterbenden Stadt“, die keine Zukunft hat. Ein Missverständnis. Bewohner der „besonderen politischen Einheit West-Berlin“ konnten dem nur mit fundamentalen geostrategischen Überlegungen begegnen, z.B. mit dem Ausdruck „Restdeutschland“. Mit Großstadtchauvinismus hatte das natürlich nicht das geringste zu tun. Eher schon mit einer gewissen heldenhaften Grundtrotzigkeit, David Bowie hat das verstanden.

Schon als Kinder mussten sich Westberliner mit solchen Wahrnehmungsdifferenzen herumplagen, egal ob es sich um Einschusslöcher oder die Gefährlichkeit des Bahnhofs Zoo handelte.  Wen wundert es da, wenn die Nilpferde des Zoologischen Gartens die Lieblingstiere waren.

Achso. „Westberlin“ haben die „Ossis“ geschrieben. Korrekt müsste es „West-Berlin“ heißen. Ganz wichtig.

Tanja Dückers: „Mein altes West-Berlin: Berliner Orte“, erschienen im be.bra Verlag

am 02. Dezember 2016 - 18:38 von Linda Link

Open Mike 2016

Letztes Wochenende war es wieder soweit, zum 24. Open-Mike-Wettbewerb sammelten sich junge Dichterinnen und Dichter im heimatlichen Neukölln. Das Wettlesen hat Tradition, immer nur 15 Minuten Vorlesen sind erlaubt, darüber wacht ein Wecker. Schlag auf Schlag geht es also, bis die Texte der 22 TeilnehmerInnen durch sind.

Die Einsamkeit der Jury
Die Einsamkeit der Jury

Seit die Veranstaltung bei mir um die Ecke stattfindet, war ich eigentlich immer dabei. Vielleicht nicht für sämtliche Lesungen, aber doch ausgiebig. Voll war es früher, daran erinnere ich mich gut. An den Türen stand Personal, das immer nur so viele Leute in den Saal ließ, wie ihn zuvor welche verlassen hatten. Sitzplätze waren Mangelware und begehrt. Inzwischen ist das anders, schon im letzten Jahr war die Lage entspannt. In diesem fand ich es fast traurig, wie wenig Menschen den Weg zum Open Mike gefunden hatten.

Dabei war das vorgetragene Material gegenüber den letzten Jahren bemerkenswert. Deutlich mehr Erzähltes, selbst in der Lyrik. Geschichten, die über das eigene hinausgehen, kaum Schreiben über das Schreiben. Spannend. Dabei auf der Höhe der Zeit, modern könnte man sagen. Obwohl das nicht wirklich eine literarische Qualität ist, aber erfrischend eben.

Mehr kann auf dem Blog des Open Mike nachgelesen werden, der (sic!) aber nicht so richtig ein Blog ist. (Schon allein wegen des Artikels.) Das wage ich als bloggendes Urgestein hier einfach mal zu behaupten. Eine schlüssige Zusammenfassung mit den Gewinnern und der Gewinnerin gab es auch im Deutschladradio Kultur.

Ebendort soll es auch am 20. November um 1.05 Uhr ein Feature von Irene Binal geben. Untertitel: Der Open Mike ist das Sprungbrett in den Literaturbetrieb für diejenigen, die schreiben, aber noch kein Buch veröffentlicht haben.

Rumspringen mitten in der Nacht. Naja, muss wohl Literatur sein.

am 18. November 2016 - 17:10 von Susanne Englmayer